Hitzenotfälle umfassen ein breites Spektrum an pathologischen Zuständen, die auftreten, wenn die körpereigene Thermoregulation durch äußere Hitzeeinwirkung oder exzessive körperliche Anstrengung überfordert wird. In der täglichen Praxis werden die Krankheitsbilder oft unterschätzt, obwohl sie zu schwersten systemischen Komplikationen bis hin zum Multiorganversagen führen können.
Diese Unterschätzung spiegelt sich auch in der Statistik wider: Die Letalität liegt insbesondere beim Hitzschlag je nach Fachliteratur bei bis zu 50 %. Selbst wenn Patienten das akute Ereignis überleben, verbleibt bei etwa 16 % der Betroffenen ein dauerhaft schlechtes neurologisches Outcome. Es ist zusätzlich von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da hitzebedingte Todesfälle häufig den vorbestehenden Grundleiden (wie Herz- oder Lungenerkrankungen) zugeschrieben werden.
besondere Patientengruppen #
Bestimmte besonders gefährdete Patientengruppen tragen ein signifikant höheres Risiko für schwere Verläufe:
- Altersextreme: Säuglinge und Kleinkinder besitzen nur eine eingeschränkte Fähigkeit zur Thermoregualtion, während bei Senioren das Durstgefühl und die Effizienz der Wärmeabgabe physiologisch abnehmen.
- Chronisch Kranke: Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, COPD, Niereninsuffizienz oder Adipositas sind besonders anfällig für Hitzenotfälle.
- Medikamenten- und Drogenkonsum: Die Einnahme von Diuretika, Betablockern, Anticholinergika oder Antipsychotika beeinträchtigt die Thermoregulation oder den Flüssigkeitshaushalt. Auch Drogen wie Kokain oder Amphetamine können durch Steigerung des Stoffwechsels Hitzenotfälle provozieren.
- Exponierte Personen: Sportler bei extremer Belastung, im Freien tätige Berufsgruppen (Bau, Landwirtschaft, Feuerwehr) sowie Obdachlose sind der thermischen Belastung oft in einem höheren Maße ausgeliefert.
Hitzeerschöpfung #
Die Hitzeerschöpfung zählt zu den leichten bis mittelschweren Hitzenotfällen. Sie entsteht durch einen erheblichen Verlust von Wasser und Elektrolyten (Dehydratation) infolge übermäßigen Schwitzens bei unzureichender Flüssigkeitszufuhr. Dies führt zu einer Abnahme des zentralen Blutvolumens und kann eine zerebrale Minderperfusion auslösen, da der Körper zusätzlich Gefäße weitstellt, um eine zügige Temperaturregulation herbeizuführen.
Symptome #
Die Patienten sind meist bei Bewusstsein, klagen jedoch über ausgeprägte Erschöpfung. Die Körperkerntemperatur ist normal oder nur leicht erhöht (>37°C bis <40°C).
- leicht erhöhte Temperatur (>37°C bis <40°C)
- blasse & kaltschweißige Haut
- Vigilanzminderung bis zu Synkopen
- Schwächegefühl mit Schwindel & Kopfschmerzen
- Tachykardie & Hypotonie (orthostatische Dysregulation)
- Übelkeit & Erbrechen
- starkes Durstgefühl & starkes Schwitzen
Therapie #
Patienten sollten grundsätzlich in eine schattige und kühle Umgebung gebracht werden. Zur Unterstützung der Kühlung sollte die Kleidung gelockert werden und der Patient passiv gekühlt werden. Je nach Patientenzustand kann eine Flachlagerung oder eine Schocklage zur Kreislaufunterstützung angewendet werden.
Wache Patienten ohne Aspirationsrisiko sollten selbstständig trinken. Hier empfiehlt sich die schluckweise orale Gabe von isotonischen Elektrolytgetränken (z. B. Apfelschorle).
Bei bewusstseinseingetrübten Patienten erfolgt die Anlage eine i.v.-Zugangs und die Verabreichung kristalloider Infusionslösung. Es sollte ein 12-Kanal-EKG zum Ausschluss kardialer Ursachen geschrieben und ausgewertet werden.
Hitzschlag #
Der Hitzschlag ist ein akut lebensbedrohlicher Notfall, der durch ein völliges Versagen der körpereigenen Thermoregulation bei einer Körperkerntemperaturen größer 40°C gekennzeichnet ist. Dieser Zustand löst eine komplexe Kaskade zellulärer und systemischer Reaktionen aus. Es kommt zu einer massiven Ausschüttung proinflammatorischer Zytokine und einer systemischen Entzündungsreaktion. Durch die maximale Vasodilatation zur Wärmeableitung über die Haut wird das Blutvolumen massiv in die Peripherie umverteilt, was zu einer Minderperfusion der inneren Organe, des Gehirns und der Nieren führt. Eine damit einhergehende erhöhte Permeabilität der Darmschleimhaut ermöglicht den Übertritt von Endotoxinen in den Blutkreislauf. In Kombination mit direkter thermischer Zellschädigung, Rhabdomyolyse (Zerfall von Muskelgewebe) und schweren Gerinnungsstörungen (Disseminierte intravasale Koagulopathie) kann es zu einem lebensbedrohlichen Multiorganversagen kommen.
Man unterscheidet den klassischen Hitzschlag (passive Überwärmung bei meist älteren oder vorerkrankten Personen) vom Anstrengungshitzschlag (aktive Wärmeproduktion durch körperliche Arbeit/Sport).
Symptome #
Die Leitsymptome sind eine massive Hyperthermie und schwere neurologische Defizite:
- Temperatur >40°C
- trockene & gerötete Haut
- Verwirrtheit, Agitation, Ataxie bis zur Bewusstlosigkeit
- Krampfanfälle
- Tachypnoe
- Hypotonie & Tachykardie → Schock
- Kopfschmerzen mit Übelkeit & Erbrechen
Therapie #
Als oberstes Ziel steht eine Senkung der Körperkerntemperatur auf 38,5°C im Vordergrund, hierzu können alle verfügbaren Mittel genutzt werden (bspw. kalte Infusion, Kühlpacks an Achsel & Leiste). Es muss zwingend ein i.v.-Zugang angelegt werden und kristalloide Infusionslösung appliziert werden.
Krämpfe werden analog der bekannten Therapie bei Krampfanfall medikamentös durchbrochen!
Antipyretika (bspw. Paracetamol) besitzen im Rahmen des Hitzschlags kaum Wirkung, da es sich nicht um den Wirkmechanismus des typischen Fiebers handelt.
Sonnenstich #
Ein Sonnenstich (Insolation) entsteht durch direkte und intensive Sonneneinstrahlung auf den ungeschützten Kopf und Nacken. Dies führt zu einer lokalen Reizung der Hirnhäute (Meningitis-ähnlich) und kann im Verlauf ein Hirnödem auslösen. Im Gegensatz zum Hitzschlag ist hier primär nicht die gesamte Körpertemperatur erhöht, sondern es liegt ein lokales thermisches Problem vor.
Symptome #
Die Beschwerden treten oft zeitverzögert nach der massiven Sonneneinstrahlung auf:
- hochroter, heißer Kopf
- starke Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit (Meningismus)
- Schwindel mit Übelkeit & Erbrechen
Bei massivem Sonnenstich kann es zur Bildung von Hirnödemen kommen (Kopfschmerzen, Übelkeit, Vigilanzminderung, Atemstörung, Bradykardie, Hypertonie, Krämpfe, Pupillenauffälligkeiten).
Therapie #
Patienten sollten grundsätzlich in eine schattige und kühle Umgebung gebracht werden. Es empfiehlt sich eine Lagerung mit erhöhten Oberkörper, so kann gezielt der Kopf- und Nackenbereich gekühlt werden. Patienten sollten ausreichend trinken und sich nicht überanstrengend. Bei Anzeichen für ABCDE-Probleme sollten diese symptomorientiert behandelt werden.
Quellen #
- Bein, T. (2023). Pathophysiologie und Management der Hitzeerkrankung. Medizinische Klinik – Intensivmedizin und Notfallmedizin, 119(5), 373–380. https://doi.org/10.1007/s00063-023-01072-1
- Cong, S., Zheng, G., Liang, X., Gui, J., Zhang, H. & Wang, J. (2025). Pre-hospital cooling in community-acquired heat stroke (CAHS): evidence, challenges, and strategies. European Journal Of Medical Research, 30(1), 472. https://doi.org/10.1186/s40001-025-02628-x
- Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e.V. (DEGAM). (2022). S1-Leitlinie Hitzebedingte Gesundheitsstörungen in der hausärztlichen Praxis. In AWMF Online (Registernummer 053-052). https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/053-052
- Guideline for the Treatment of Heat Stroke. (o. D.). Society Of Critical Care Medicine (SCCM). https://www.sccm.org/clinical-resources/guidelines/guidelines/guideline-for-the-treatment-of-heat-stroke
- Harleman, E. D. & Wilderness Medical Society. (2025, 7. Mai). Heat Illness CPG. Wilderness Medical Society. https://wms.org/magazine/magazine/1540/Heat-Illness-CPG/default.aspx
- Naß, D. & Bauderer, E. (2020). Sommer, Sonne, Hitzenotfall. Notfallmedizin Up2date, 15(02), 137–146. https://doi.org/10.1055/a-1135-3575
- Perez, R. I., Londono, M. J., Everitt, B., Young, D., Hood, R. L., De Lorenzo, R. A. & McDermott, B. P. (2026). Exertional and classic heat stroke: A narrative review. The American Journal Of Emergency Medicine, 102, 49–54. https://doi.org/10.1016/j.ajem.2026.01.008