Anaphylaxie

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DBRD-Algorithmus: Anaphylaxie Erwachsene & Anaphylaxie Kind
NUN-Algorithmus: Allergischer Schock (Grad 2+3)

Unter einer Anaphylaxie versteht man eine akute systemische Reaktion mit Symptomen einer allergischen Sofortreaktion, die den ganzen Organismus erfassen kann und potenziell lebensbedrohlich ist. Der Begriff „Anaphylaxie“ ersetzt dabei die älteren Begriffe „anaphylaktische Reaktion“ und „anaphylaktischer Schock“.

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Ursache

  • Bindung eines Allergens an spezifische IgE-Antikörper auf der Oberfläche von Mastzellen
  • Ausschüttung von Entzündungsmediatoren (v.a. Histamin), die über Histaminrezeptoren die klassischen Symptome auslösen

    Abb. 1: Wirkung von Histamin an den Rezeptoren und entstehende Symptome

Symptome

Da Histamin an verschiedenen Rezeptoren (H1-H4) wirkt, kommt es an diversen Organsystemen zu Reaktionen und Ausbildung von Symptomen. Diese variieren von Patient zu Patient in ihrer Ausprägung (siehe Abb. 1).

  • Haut: Juckreiz, Pusteln, Angioödem, Urtikaria (Nesselsucht)
  • Herz-Kreislauf: Tachy- oder Bradykardie, Arrhythmien, Hypotonie, Schock, Herz-Kreislauf-Stillstand
  • Atemwege: Larynxödem, Schwellungen der Schleimhäute, Bronchokonstriktion, Hypersekretion, (Lungenödem)
  • Abdomen: Krämpfe, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall
Abb. 2: Einteilung der Anaphylaxie in Grade

Therapie

  • Allergen entfernen! (z.B. Stachel entfernen, Medikamentengabe stoppen)
  • angepasste Lagerung (Schocklage, Ausnahme: B-Problem, dann Oberkörper hochlagern)
  • Anlage eines großvolumigen i.v.-Zugangs (bei ausgeprägter Zentralisation: frühzeitig i.o.-Zugang)
  • adaptierte Sauerstoffgabe (min. 10l/min über Maske)

Medikamente

  • Epinephrin (Adrenalin)
    Bei einer Anaphylaxie rettet nur die Gabe von Epinephrin den Patienten. Diese sollte frühestmöglich i.m. in den Oberschenkelmuskel erfolgen. Die intramuskuläre Applikation führt zu bedeutend weniger Nebenwirkungen als die i.v.-Gabe und sollte auch aufgrund der Zeitersparnis immer bevorzugt werden. Die Gabe von Epinephrin i.m. sollte im Zweifel bei jeder Anaphylaxie durchgeführt werden, die über Hautsymptome herausgeht. Sie kann bei Nichtansprechen alle 5 Minuten wiederholt werden.

intramuskulär

Erw: 0,5 mg i.m.
6 - 12 LJ: 0,3 mg i.m.
< 6 LJ: 0,15 mg i.m.
(Wiederholung alle 5 min möglich)

inhalativ

2 - 4 mg pur inhalativ
  • Volumengabe: 500 – 1000 ml kristalloide Infusionslösung (bei Kindern: 20 ml/kgKG)
  • Prednisolon: 250 mg i.v.
    Es gibt keinen Nachweis über die Wirkung von Glukokortikoiden im Rahmen der akuten Anaphylaxie. Die Gabe sollte zusätzlich erfolgen, wenn keine Basismaßnahmen verzögert werden. Eine Wirkung tritt frühstens nach 20 – 30 Minuten ein und kann ggf. vor einer zweiten Reaktion schützen.
  • Clemastin2 mg i.v.
    Studien konnten bisher lediglich die Wirkung auf allergische Hautreaktionen bei der Gabe von H1-Rezeptoren-Blocker zeigen. Da jedoch eine positive Wirkung bei einer Anaphylaxie zu erwarten ist, wird die Gabe empfohlen, sofern keine Basismaßnahmen verzögert werden.
  • Dimetinden: 4 mg i.v.
    Dimetinden überwindet die Blut-Hirn-Schranke und wirkt stärker sedierend, aus diesem Grund sollte Clemastin bevorzugt werden. Studien konnten bisher lediglich die Wirkung auf allergische Hautreaktionen bei der Gabe von H1-Rezeptoren-Blocker zeigen. Da jedoch eine positive Wirkung bei einer Anaphylaxie zu erwarten ist, wird die Gabe empfohlen, sofern keine Basismaßnahmen verzögert werden.
  • Ranitidin: 50 mg i.v. (WICHTIG: wird aktuell nicht mehr empfohlen, weitere Informationen: Risikobewertungsverfahren des BfArM)
    Ranitidin ist ein H2-Rezeptor-Blocker der als kompetitiver Antagonist mit Histamin am Rezeptor konkurriert, jedoch hat Histamin die höhere Affinität zum Rezeptor. Aus diesem Grund tritt die Wirkung meist erst zeitverzögert ein, da nur freie Rezeptoren von Ranitidin besetzt werden können. Es gibt wie bei den H1- Rezeptor-Blocker keine Evidenz für eine Wirkung bei akuten Anaphylaxien. Da die Nebenwirkungen jedoch nur gering sind, wird eine Gabe dennoch empfohlen, sofern keine Basismaßnahmen verzögert werden.

Differentialdiagnostik


Quelle

  • Bastigkeit, M. (2019). Medikamente in der Notfallmedizin. Edewecht, Deutschland: Stumpf + Kossendey.
  • Bohn, A. & Blumenstiel, J. (2018). Anaphylaxie. retten!, 7(05), 344–354. https://doi.org/10.1055/a-0629-0619
  • Deutscher Berufsverband Rettungsdienst e.V. (DBRD). (2020). Muster-Algorithmen 2020 zur Umsetzung des Pyramidenprozesses im Rahmen des NotSanG. https://www.dbrd.de/images/algorithmen/AlgoDBRDV5.0Update2020.pdf
  • Fandler, M. (2020, November 2). NERDfacts Folge 10/2020 Anaphylaxie. NerdfallMedizin. https://nerdfallmedizin.blog/2020/11/02/nerdfacts-folge-10-2020-anaphylaxie/
  • LV ÄLRD Niedersachsen / Bremen. (2020). „NUN – Algorithmen“ zur Aus- und Fortbildung und als Grundlage zur Tätigkeit von Notfallsanitätern(innen) in Niedersachsen. https://lard-nds.de/download/nun-algorithmen-2020-ver-1_1/
  • Ring, J., Beyer, K., Biedermann, T., Bircher, A., Duda, D., Fischer, J., Friedrichs, F., Fuchs, T., Gieler, U., Jakob, T., Klimek, L., Lange, L., Merk, H. F., Niggemann, B., Pfaar, O., Przybilla, B., Ruëff, F., Rietschel, E., Schnadt, S., … Brockow, K. (2014). Guideline for acute therapy and management of anaphylaxis. Allergo Journal International, 23(3), 96–112. https://doi.org/10.1007/s40629-014-0009-1
  • Worm, M. (2018). Anaphylaxie: Wie richtig handeln? Dtsch Arztebl, 2018 (10), 115.

Zuletzt aktualisiert am 4. Januar 2021 von Luca H.

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