Fieberkrampf

DBRD-Algorithmus: Krampfanfall Kind
NUN-Algorithmus: Status generalisierter tonisch-klonischer Anfall (SGTKA)

Der Fieberkrampf gehört zu einem der häufigsten Kindernotfälle im Rettungsdienst und ist bei seinem erstmaligen Auftreten eine Situation, in der akute Lebensgefahr für das Kind besteht.

Ein Fieberkrampf tritt meistens bei Kleinkindern auf, gehäuft im Alter zwischen 6 Monaten und 4 Jahren. Es handelt sich dabei um einen zerebralen Anfall, der in Verbindung mit Fieber, häufig bei einem bestehenden Infekt, vorkommt. Das Fieber setzt dabei die Krampfschwelle herab und erhöht das Risiko für einen Krampfanfall erheblich. Entscheidend für das Auftreten des Krampfanfalls ist dabei nicht pauschal das Fieber, sondern der rapide Anstieg der Temperatur.

Das grundsätzliche Vorgehen bei Kindernotfällen haben wir hier ausführlich beschrieben: Fachtext Kindernotfälle

Ursache

Die genaue Ursache für das Auftreten von Fieberkrämpfen in Verbindung mit einem Infekt ist noch nicht geklärt. Häufig zu beobachten ist allerdings Folgendes:

  • schneller Temperaturanstieg oder -abfall
  • häufig Vorliegen eines fieberhaften Infekts
  • Kinder sind in der Regel vollständig gesund
  • häufig familiäre Prädisposition (nach Geschwisterkindern fragen!)

Symptome

  • Fieber
  • Bewusstseinsverlust
  • rhythmische, tonisch-klonische Krämpfe (nahezu immer generalisiert)
  • Zyanose & Blässe
  • Muskelverspannung oder komplett schlaffes Kind
  • starrer Blick, Schmatzen

Man unterschiedet zwischen einem unkomplizierten und komplizierten Fieberkrampf, welche sich in folgenden Symptomen unterscheiden:

unkomplizierter Fieberkrampf

komplizierter Fieberkrampf

  • endet nach kurzer Zeit spontan
  • kürzer als 5 Minuten
  • tritt nur einmalig innerhalb eines Tages auf
  • endet nicht spontan
  • ist tlws. fokal (z.B. nur auf eine Extremität begrenzt)
  • Medikamente wirken nicht
  • nach Beendigung des Anfalls treten neurologische Defizite auf (z.B. Lähmungen etc.)
  • kann zu Folgeanfällen führen
  • Kinder < 6 Monate haben eher einen komplizierten Krampf

Eine Abgrenzung zwischen einem Fieberkrampf und einem epileptischen Anfall ist vor allem für die folgende Therapie wichtig und sollte wenn möglich immer mithilfe einer Fremdanamnese durchgeführt werden.

Die folgende Tabelle dient lediglich als Hilfestellung und muss immer differenziert gesehen werden, natürlich kann z.B. auch ein Patient mit Fieber einen epileptischen Anfall bekommen.

Fieberkrampf

epileptischer Anfall

Fieber

Ja

Nein

Unterkühlung

Ja

Nein

Zungenbiss

Nein

Ja

Einnässen

Nein

Ja

Eine möglichst genaue Beschreibung über Ablauf und Dauer des Krampfes ist entscheidend für die Einordnung und weitere Therapie. Wichtige Informationen sind:

  • auslösendes Ereignis?
  • Krampfdauer?
  • generalisierter oder fokaler Anfall?
  • Infekt / Fieber bekannt?
  • ähnliches Ereignis in der Vergangenheit / Familie?
    • wenn ja: bereits genutzte Notfallmedikamente vor Eintreffen des Rettungsdienstes?

Therapie

Krampfanfälle ohne Fieber, welche länger als 5 Minuten andauern, oder komplizierte Fieberkrämpfe sollten wie eine Status epilepticus behandelt werden. -> siehe: Epileptischer Anfall & Gelegenheitskrampf

andauernder Krampfanfall

  • potenziell patientengefährdende Gegenstände entfernen
  • wichtig: ein Beißschutz ist obsolet und kontraindiziert, da das Risiko von Zahnschädigungen und Aspiration besteht!

Medikamente (Antikonvulsiv)

Midazolam – i.n.
(0,1 mg/kgKG)

< 10 kgKG = 2,5 mg
10 – 20 kgKG = 5 mg
> 20 kgKG = 10 mg

Diazepam – supp.
(0,3 – 0,5 mg/kgKG)

< 15 kgKG = 5 mg
> 15 kgKG = 10 mg

Lorazepam – bukkal

< 25 kgKG = 1 mg
> 25 kgKG = 2,5 mg

Medikamente (Antipyretisch)

Paracetamol – supp.

bis 1 Jahr = 125 mg
1 – 6 Jahre = 250 mg
> 6 Jahre = 500 mg

Ibuprofen – supp.

3 Monate – 2 Jahre = 60 mg
> 2 Jahre = 125 mg

abgeschlossener Krampfanfall

  • bei Fieber: Fiebersenkung (Kleidung entfernen, Wadenwickel, Körperstamm kühlen) oder o.g. medikamentöse Therapie
  • Sicherung der Atemwege (stabile Seitenlage, evtl. Esmarch-Handgriff)
  • hochdosierte O2-Gabe (Ziel: SpO2 ~ 94 – 98%)
  • ggf. assistierte Beatmung
  • i.v.-Zugang prophylaktisch für erneuten Anfall anlegen
  • BZ-Messung (Ausschluss Hypoglykämie)

Krankenhaustransport

Grundsätzlich sollte jedes Kind bei Auftreten eines erstmaligen Krampfanfalls in einer Kinderklinik vorgestellt werden. Bei bekannten Krampfanfällen muss hingegen nicht zwingend ein Transport stattfinden, sofern die Eltern mit der Situation vertraut sind. Sollte eine adäquate Betreuung allerdings nicht gegeben sein, ist auch hier der Transport in die Kinderklinik obligatorisch.

Differentialdiagnostik

Bei Kindern müssen Affektkrämpfe immer von zerebralen Anfällen abgegrenzt werden. Affektkrämpfe treten durch äußere Einflüsse (z.B. Stress, Angst, Trotz) auf, in deren Folge sich Kleinkinder in einen Affektkrampf hineinsteigern. In einem solchen beschriebenen Fall ist keine spezielle Therapie notwendig.


Quelle

  • Bastigkeit, M. (2019). Medikamente in der Notfallmedizin. Edewecht, Deutschland: Stumpf + Kossendey.
  • Deutscher Berufsverband Rettungsdienst e.V. (DBRD). (2021). Muster-Algorithmen 2021 zur Umsetzung des Pyramidenprozesses im Rahmen des NotSanG. https://dbrd.de/images/algorithmen/AlgoDBRDV60Update2021.pdf
  • Enke, K., Flemming, A., Hündorf, H.-P., Knacke, P. G., Lipp, R. & Rupp, P. (Hrsg.). (2015). Lehrbuch für präklinische Notfallmedizin: Patientenversorgung und spezielle Notfallmedizin (5. Aufl., Bd. 1). Edewecht, Niedersachsen: Stumpf + Kossendey. – 563 – 564
  • LV ÄLRD Niedersachsen / Bremen. (2021). „NUN – Algorithmen“ zur Aus- und Fortbildung und als Grundlage zur Tätigkeit von Notfallsanitätern(innen) in Niedersachsen. https://lard-nds.de/download/nun-algorithmen-2021/#
  • Springer, W., Klingmann, A., Sperber, T. & Schubert-Bast, S. (2012). Fieberkrampf – Ein häufiger Kindernotfall. retten!, 1(05), 342–348. https://doi.org/10.1055/s-0032-1331415

Zuletzt aktualisiert am 30. November 2021 von Luca H.

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