Hypertonie – Eine Volkskrankheit!

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Weltweit ist jeder Dritte Mensch an Hypertonie erkrankt, die Zahl der Erkrankten steigt mit dem Alter an (20 – 39 Jahre = jeder Zehnte; 50 – 59 Jahre = jeder Zweite). Bei rund 80% der Erkrankungen mit Hypertonie sind die Ursachen bis heute nicht bekannt, bei den übrigen 20% gilt schlechte Ernährung und mangelnde Bewegung als eine der Hauptursachen um an Hypertonie zu erkranken.

Ein großes Problem ist, dass die Folgeerkrankungen der Hypertonie (u.a. Herzinfarkt, Schlaganfall, KHK, Niereninsuffizienz) nicht mit dieser in Verbindung gebracht, sondern als eigene, isolierte Erkrankungen gesehen werden. Ein hoher Blutdruck ist für viele Patienten lediglich eine Erscheinung, von der man zwar weiß, dass sie nicht gut ist, die aber selten direkte Auswirkungen auf das Leben der Patienten hat und von daher als ein „ist halt so“ abgetan wird. Dies führt zu einem reduzierten Problembewusstsein bei den Patienten und damit zwangsläufig zu einer erhöhten Zahl von Personen, welche mit Folgeerkrankungen behandelt werden müssen und damit auch zu einer Mehrbelastung für den Rettungsdienst.

Wie definiert man eigentlich eine Hypertonie?

Unter einer arteriellen Hypertonie versteht man einen dauerhaft erhöhten Blutdruck. Laut aktueller ESC Leitlinie liegt dieser bei ≥ 140/90 mmHg. Diese Erhöhung ist Risikofaktor für viele Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und führt in Verbindung mit anderen Erkrankungen häufig zu Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Nierenversagen.

Ursächlich für die arterielle Hypertonie ist unter anderem eine Erhöhung des Gefäßwiderstand und/oder eine Zunahme des Herzzeitvolumens (HZV).

Das Herzzeitvolumen (HZV) steigt bei einer erhöhten Aktivität des Sympathikus (u.a. durch Stress) an, dies führt zu einer erhöhten Katecholaminausschüttung in deren Folge sich die Herzfrequenz erhöht und die Gefäße enggestellt werden, welches schlussendlich zu einer Hypertonie führt.

Mit zunehmendem Alter der Patienten ist die häufigste Ursache der Hypertonie die Erhöhung des peripheren Gefäßwiderstands in Verbindung mit erhöhter Gefäßsteifigkeit. Gründe hierfür sind neben Arteriosklerose auch die zunehmende Fettleibigkeit in Teilen der Bevölkerung. Auch eine familiäre Prädisposition in Verbindung mit ungesunder Lebensweise kann eine Hypertonie begünstigen.

Zudem hat die Nierenfunktion einen entscheidenden Einfluss auf die Erkrankung, da z.B. durch erhöhten Salzkonsum die Rückhaltung (Retention) von Wasser in der Niere begünstigt wird und dadurch das Blutvolumen erhöht wird.

hypertensive Entgleisung vs. hypertensiver Notfall

Von einer hypertensiven Entgleisung ist die Rede, wenn der Blutdruck > 180/120 mmHg ist und keine Hinweise auf Organschädigung vorliegen. Der Begriff „hypertensive Krise“ wird in der Regel nicht mehr genutzt, man unterscheidet nur noch zwischen hypertensiver Entgleisung und hypertensivem Notfall.

Ein hypertensiver Notfall wird definiert als eine schwere Hypertonie (> 180/110 mmHg) in Verbindung mit klinischen Zeichen für eine akute Endorganschädigung. Diese Art des Notfalls erfordert eine sofortige, adäquate Blutdrucksenkung.

Zeichen einer Endorganschädigung können dabei u.a. sein:

  • neurologische Auffälligkeiten (Sprach- & Sehstörungen)
  • hypertensive Enzephalopathie (Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Balanceschwierigkeiten)
  • Lungenödem
  • Aortendissektion
  • Nierenversagen
  • Krampfanfälle
  • Intrakranielle Blutungen

Kurz und knapp also:
hypertensive Entgleisung
= RR > 180/120 mmHg
hypertensive Notfall
= RR > 180/110 mmHg + Organbeteiligung

Häufig besteht bei Patienten bereits seit längerer Zeit ein Hypertonus, eine notfallmäßige Blutdrucksenkung sollte daher nur bei Vorliegen einer Organbeteiligung durchgeführt werden. In den meisten anderen Fällen genügt eine geregelte medikamentöse Behandlung im Krankenhaus.

Wichtig: Die Grenzwerte für Rettungsdienstpersonal liegen im Rahmen der Algorithmen meist deutlich höher, bevor eine Blutdrucksenkung durchgeführt werden darf.

Was sehen wir Denn im EKG?

Auch im EKG zeigt eine dauerhaft bestehende Hypertonie Veränderungen, da sie zu einer Schädigung des Herzmuskels führt. Durch die Verdickung und Versteifung der Muskulatur kann sich das Herz nicht mehr wie zuvor mit Blut füllen und es kommt zu einer Herzschwäche. Diese resultiert u.a. in Atemnot und kann zu tachykarden Herzrhythmusstörungen führen. In dessen Folge kann es zu Vorhofflimmern kommen, welches die Gefahr für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall weiter erhöht.

Eine weitere Folge kann die hypertensive Nephropathie sein, bei der es durch zu hohen Blutdruck zu Nierenschädigungen kommt, welche im schlimmsten Fall zu einer Niereninsuffizienz führen können.

Es kommt zudem zu einer linksventrikulären Hypertrophie (LVH), welche eine Adaption des Herzens auf die erhöhte Belastung durch den dauerhaft gesteigerten Druck darstellt. Hierbei kommt es zu einer Gewebevergrößerung des Herzmuskels des linken Ventrikels. Bis zu 60% der Patienten mit einer chronischen Hypertonie leiden an einer LVH.

Im EKG kann die LVH anhand von Scores erkannt werden, geläufig ist in Deutschland der Sokolow-Lyon-Index RV5 + SV1 ≥ 3,5 mV oder der Cornell-Produkt für Frauen (RaVL + SV3+0,8) x QRS-Dauer (in ms) ≥ 244 bzw. Männer: (RaVL + SV3) x QRS-Dauer (in ms) ≥ 244. Zu erwähnen ist, dass der Sokolow-Lyon-Index gerade bei jungen Männern zu falsch positiven Ergebnissen führt und dass das Cornell-Produkt durch Einbeziehung von BMI und Alter weiter sensitiviert werden kann. Klinisch wird die LVH durch eine Echokardiographie festgestellt bzw. ausgeschlossen.

Auf den „ersten Blick“ zeigt sich eine linksventrikuläre Hypertrophie (LVH) im EKG durch die zum Teil deutlichen Überlagerungen der Brustwandableitungen. Dies deutet auf eine Hypertrophie hin, da die Vergrößerung des Myokards eine höhere elektrischen Aktivität im EKG zeigt.

Therapie im Rettungsdienst

Sollte eine präklinische Therapie nötig werden, wird in der Regel das Medikament Urapidil eingesetzt.

Urapidil hat sowohl zentrale als auch periphere Wirkungen. Peripher blockiert es vor allem postsynaptische α1-Rezeptoren und hemmt somit die vasokonstriktive Wirkung von Katecholaminen. Zentral modulierte es die Aktivität der Gehirnzentren, die das Kreislaufsystem regeln, wodurch die reaktive Erhöhung des Sympatikotonus gehemmt bzw. reduziert wird.

Dazu reduziert Urapidil den periphere Gefäßwiderstand und führt so zu einem Abfall des systolischen und diastolischen Blutdrucks, wobei die Herzfrequenz konstant bleibt und die Herzleistung nicht beeinträchtigt wird.

Initial werden 5 mg Urapidil verabreicht, anschließend erfolgt eine erneute Blutdruckmessung. Die Gabe von 5 mg kann alle 5 Minuten wiederholt werden und auf bis zu 50 mg erhöht werden. Grundsätzlich sollte der Blutdruck nicht um mehr als 20% gesenkt werden. Sollte der Verdacht auf einen Schlaganfall bestehen, senkt man nicht unter 180/110 mmHg.

Kurz und knapp gibt es das ganze Thema hier als FactSheet: hypertensiver Notfall


Quellen

  • 2013 ESH/ESC Guidelines for the management of arterial hypertension: in: European Heart Journal, Jg. 34, Nr. 28, 2013, doi: 10.1093/eurheartj/eht151, S. 2159–2219.
  • 2016 ESC Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure: in: European Heart Journal, Jg. 37, Nr. 27, 2016, doi: 10.1093/eurheartj/ehw128, S. 2129–2200.
  • 2018 ESC/ESH Guidelines for the management of arterial hypertension: in: European Heart Journal, Jg. 39, 2018, doi: 10.1093/eurheartj/ehy339, S. 3021–3104.
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung: Wovon kommt Bluthochdruck?, in: YouTube, 27.10.2013, https://www.youtube.com/watch?reload=9&v=rQO7OyOsJFw.
  • CardioSigma GmbH: Linksventrikuläre Hypertrophie, in: Fokus-EKG, 2020, https://www.fokus-ekg.de/inhalt-von-a-z/hypertrophie/linksventrikul%C3%A4re-hypertrophie/.
  • Deutsche Gesellschaft für Kardiologie: Managment der arteriellen Hypertonie, Grünwald, Deutschland: Börm Bruckmeier Verlag, 2018.
  • Hemmelgarn, M. & Linck, S. (Hrsg.). (2018). Notfallmedikamente im Rettungsdienst (2., überarbeitete Auflage Aufl.). Edewecht, Deutschland: Stumpf + Kossendey.
  • Jordan, Jens / Christine Kurschat / Hannes Reuter: Arterielle Hypertonie: Diagnostik und Therapie, in: Deutsches Aerzteblatt Online, 2018, doi: 10.3238/arztebl.2018.0557, S. 557–567.
  • Wanka, V. & Weiß, S. (2019). Medikamente im Rettungsdienst (2. Aufl.). Stuttgart, Deutschland: Georg Thieme.
  • Weltgesundheitsorganisation: Hypertonie, in: WHO Europa, 2013, https://www.euro.who.int/de/about-us/whd/past-themes-of-world-health-day/world-health-day-2013-focus-on-high-blood-pressure/about-hypertension.
  • Winneguth, Christian: Vergleichende Untersuchung der ACE-Hemmer Ramipril und Captopril zu deren Einfluß auf die Regression der linksventrikulären Hypertrophie und auf das Verhalten ventrikulärer Rhythmusstörungen, Dissertation, Medizin und Gesundheit, Berlin, Deutschland: Charité – Universitätsmedizin Berlin, 2006.
  • Scientific Animations: https://www.scientificanimations.com/wiki-images/ under CC BY-SA