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Welcher Applikationsweg bietet welche Vorteile?

Für welchen Applikationsweg man sich bei einer Medikamentengabe entscheidet macht teilweise immense Unterschiede! Beginnend damit, dass viele Medikamente nur für bestimmte Applikationswege zugelassen sind. Oft werden Medikamente aber auch auf anderem Wege verabreicht, man spricht dann von einem „Off-Label-Use“. In diesem Fachtext vergleichen wir die Unterschiede der üblichen Applikationswege und nennen ihre Vor- als auch Nachteile.

orale Gabe (p.o.)

Der klassische Weg einer Verabreichung ist die orale Gabe (per os = p.o.). Ein riesiger Vorteil ist hierbei, dass diese Gabe sehr simpel ist und in der Regel von Patient*innen selbstständig zu Hause durchgeführt werden kann. Auch in der Notfallmedizin stößt man auf diese Applikationsform. Man muss sich jedoch auch der damit einhergehenden Umstände bewusst sein. Eine oral eingenommene Tablette muss zunächst in den Magen-Darm-Trakt gelangen. Erst dort wird das Medikament freigesetzt und z.B. von der Darmschleimhaut resorbiert. Dies bedeutet eine zeitlich verzögerte Wirkung des Medikaments. Medikamente für akut lebensbedrohlichen Situationen werden daher in aller Regel nicht oral verabreicht. Eine weitere Hürde oraler Medikamente ist die Passage der Leber. Im Darm resorbierte Stoffe werden zunächst zur Leber geführt und durchlaufen dort eine erste Filterung, was für weiteren zeitlichen Verzug sorgt. Es wird sichergestellt, dass oral aufgenommene Schadstoffe nicht in den Körperkreislauf gelangen – man spricht vom „First-Pass-Effect“. Ein Medikament muss somit die Eigenschaft haben, nicht in der Leber abgebaut zu werden oder gegebenenfalls so umgebaut zu werden, dass es danach weiter wirken kann.

intravenöse Gabe (i.v.)

Die häufigste Applikationsform in der Notfallmedizin ist die intravenöse Gabe (i.v.). Dabei wird der First-Pass-Effect der Leber umgangen und das Medikament kann direkt am jeweiligen Zielort wirken. Die meisten Medikamente sind für die intravenöse Gabe zugelassen und ein anderer Applikationsweg stellt in der Regel einen Off-Label-Use dar. Dennoch gibt es Situationen, in denen eine alternative Applikationsform durchaus Sinn ergibt. Medikamente werden intravenös in aller Regel als Bolus oder in einer Kurzinfusion verabreicht. So wird Metamizol in einer Kurzinfusion über mehrere Minuten gegeben, um das Nebenwirkungsprofil (konkret einen Blutdruckabfall) zu vermeiden. Der jeweilige Wirkstoff kann sich nach Injektion unmittelbar systemisch verteilen. Somit ist vor einer Medikamentengabe genau zu prüfen, ob diese indiziert ist (5-R-Regel). Ein einmal gegebenes Medikament lässt sich nicht mehr entfernen, gegebenenfalls lediglich antagonisieren.

intraossäre Gabe (i.o.)

Der intraossäre Zugang stellt in der Notfallmedizin eine verlässliche Alternative zum i.v. Zugang dar. Gerade bei schlechten Venenverhältnissen, wie bei stark zentralisierten Patient*innen, starken Verbrennungen oder bei Kindern sollte dieser Applikationsweg als Alternative stets erwägt werden. Grundsätzlich lassen sich die intravenös zugelassenen Medikamente auch in der gleichen Dosierung intraossär verabreichen. Im Markraum verteilt werden die Wirkstoffe unmittelbar venös resorbiert und stehen systemisch zur Verfügung. Besondere Aufmerksamkeit sollte bei in Pulver vorliegenden Medikamenten, welche aufgelöst werden, herrschen. Hier gilt es sicherzustellen, dass das Pulver wirklich komplett aufgelöst ist und keine Partikel in der Lösung sind, da diese gegebenenfalls nicht oder stark verzögert resorbiert werden könnten. Zudem könnten Partikel, wie hier zum Beispiel ASS (Acetylsalicylsäure) durch ihren niedrigen pH-Wert lokale Gewebeschäden provozieren. Bei Patient*innen mit Knochengrunderkrankungen (bspw. Osteoporose) kann ein i.o.-Zugang weniger geeignet sein.

intranasale Gabe (i.n)

Die intranasale Gabe bietet sich in einigen, speziellen Einsatzsituationen an. Sie stellt einen sehr schnellen und nicht invasiven Zugangsweg dar. Besteht ein akuter Handlungsbedarf und es kann kein i.v.-Zugang etabliert werden, bieten sich manche Medikamente für eben jene Applikationsform an. In aller Regel sind diese aber nicht dafür zugelassen und die intranasale Gabe ist somit fast immer Off-Label-Use. Das Durchbrechen eines epileptischen Anfalls mit einem Benzodiazepin oder die Analgosedierung mit Benzodiazepin & Esketamin intranasal (v.a. bei Kindern) sind die zwei häufigsten Anwendungsgebiete. Die jeweiligen Dosierungen müssen angepasst werden. Es gilt pro Nasenloch ein Resorptionsvolumen von maximal 1 ml. Damit das Medikament adäquat mit einem Spritzenaufsatz (MAD-Aufsatz) zerstäubt werden kann, muss dieses mit einem hohen Druck appliziert werden. Um dem Volumen von 1 ml gerecht zu werden, muss man die jeweilige Dosierung für das entsprechende Nasenloch getrennt vorbereiten (1 ml vorbereiten, applizieren, nochmal 1 ml vorbereiten, applizieren). Ob dieser Zeitverlust in entsprechenden Einsatzlagen angemessen ist, gilt es vor Ort zu evaluieren. Die Wirkstoffe werden rasant über die nasalen, mukosomalen Schleimhäute resorbiert.

intramuskuläre Gabe (i.m.)

Die intramuskuläre Injektion findet sowohl in der Notfallmedizin als auch im medizinischen Alltag in Form von Impfungen Gebrauch. Ein Vorteil der i.m.-Injektion ist die Geschwindigkeit. So muss kein Zugang etabliert werden, sondern es kann ohne große Verzögerung einen Wirkstoff appliziert werden, was in Form von Adrenalin bei einer Anaphylaxie beispielsweise von immensem Vorteil ist. Zudem bietet diese Applikationsform eine Depotwirkung. Der Wirkstoff wirkt über einen längeren Zeitraum und wird gleichmäßiger freigesetzt, als bei einer intravenösen Injektion. Entsprechend sind abweichende Dosierungen anzuwenden und nicht alle Medikamente eignen sich für diese Applikationsform. Zudem kann die Applikation durchaus schmerzhaft für die Patient*innen sein. Je nach Muskel ist die Injektionsmenge begrenzt. So sollte am lateralen Oberschenkel das Volumen von 5 ml nicht überschritten werden.

rektale Gabe

Die rektale Applikation bringt einige Vor- und Nachteile mit sich. So bietet sie sich bei Kindern als nicht invasiver Applikationsweg sehr gut an. Bei Erwachsenen ist die Hürde aufgrund der Wahrung der Intimität deutlich höher und häufig werden andere Applikationswege bevorzugt. Bei der Gabe ist zu beachten, den Wirkstoff nicht zu tief ins Rektum zu applizieren. Das terminale Rektum umgeht den First-Pass-Effekt der Leber. Wird der Wirkstoff jedoch zu tief in den Dickdarm appliziert, so werden die Stoffe in die Pfortader aufgenommen und gelangen doch zur Leber. Sollte man sich bei Kindern für die rektale Applikation entscheiden, bietet es sich an, diese gegebenenfalls von den Eltern unter Anleitung durchführen zu lassen. Die Medikamente müssen für die rektale Applikation in Zäpfchenform oder als Rektallösung vorliegen.

inhalative Gabe

Die inhalative Gabe von Medikamenten bietet sich bei bestimmten Krankheitsbildern besonders an. Die entsprechenden Wirkstoffe wirken vor allem lokal in den Atemwegen. Somit sind systemische Nebenwirkungen geringer ausgeprägt. Vorteilhaft ist neben des rasanten Wirkeintritts, dass das Zuführen des jeweiligen Wirkstoffs einfach durch Absetzen der Inhalationsmaske abgebrochen werden kann. Häufig müssen die jeweiligen Medikamente zusammen mit Wasser in die Inhalationsmaske gegeben werden, um ein ausreichendes Volumen zur Vernebelung zur Verfügung zu stellen. Dies wird von vielen Herstellern jedoch nicht zugelassen, da es eine Mischung von Medikamenten darstellt und gilt somit einen Off-Label-Use. Zudem müssen sich die Medikamente speziell für die Inhalation anbieten.

Inhaltsverzeichnis

Tim G.

Tim G.

Notfallsanitäter & Medizinstudent (Universität Hamburg)

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