Hinweis zur Aktualität
Dieser Artikel wurde mit Erscheinen der ERC Guidelines 2025 aktualisiert und entspricht den aktuellen Vorgaben der Leitlinie! Erstveröffentlichung am 17.11.2022, letzte Aktualisierung am 15.01.2026
Die Temperaturen sinken wieder und die kalte Jahreszeit bringt unter Umständen auch neue Herausforderungen im Rahmen der Reanimation mit sich. Obgleich jeder im Rahmen der Ausbildung schon einmal von den Besonderheiten bei Reanimationen unter speziellen Umständen gehört hat, geraten viele kleine Details mangels Routine schnell wieder in Vergessenheit.
Was bei Medikamentengabe, Defibrillation und Beendigung der Reanimation zu beachten ist und warum selbst Patienten mit einer No-Flow-Time von über 10 Minuten gute Chancen haben ohne nennenswerte neurologische Schäden zu überleben, erfahrt ihr in diesem Text.
Ein kühler Kopf rettet Zellen!
Die Reanimation von unterkühlten Patienten macht insbesondere Sinn, wenn man von Einzelfällen liest, in denen Patienten nach 6,5 Stunden Reanimation mit einer initialen Körperkerntemperatur von 13,7°C ohne neurologische Ausfälle überlebt haben.
Die Besonderheit ist hierbei, dass selbst mit einer No-Flow-Time, die normotherme Patienten massiv Hirnzellen gekostet hätte, eine nahezu 100%ige Regeneration möglich ist. Begründet ist das in einem reduzierten Sauerstoffverbrauch der Zellen, die bei niedrigeren Temperaturen ihren Stoffwechsel herunterfahren. Als grobe Formel kann pro 1°C geringerer Temperatur mit 6% weniger O2-Vebrauch gerechnet werden. Bei einer Körpertemperatur von 28°C verbrauchen die Zellen also nur noch 50% des Sauerstoffs und überleben so eine längere Zeit ohne Reanimationsmaßnahmen – vorausgesetzt der Patient war zuerst unterkühlt und hat dann den Atemstillstand erlitten.
„Keine Atmung, Kein Puls!“ – Wirklich?
Die ERC-Guidelines warnen vor zu voreiligem Beginn der Reanimationsmaßnahmen. Bis zu eine Minute soll darauf verwendet werden, dezidiert nach Lebenszeichen Ausschau zu halten und eine schnelle EKG-Ableitung herzustellen, um eine tatsächliche Reanimationspflichtigkeit festzustellen. Durch die Hypothermie sind alle Vitalfunktionen auf ein Minimum zurückgefahren, der Puls ist oft – selbst zentral – nur schwer zu tasten.
Jeder Rettungsdienstler weiß allerdings auch, dass der „Herz-Kreislauf-Stillstand“ meist eine Blickdiagnose ist. Es sollte also ein Mittelweg gefunden und im Zweifel mit der CPR begonnen werden.
Wie und wann sollte die Temperatur erhoben werden?
Für die Bestimmung der Körpertemperatur empfiehlt die Leitlinie eine ösophageale Temperatursonde – diese Messung gestaltet sich mit dem typischen RTW-Equipment schwierig. Die klassischen Infrarot-Thermometer für das Ohr werden zwar als zu ungenau verurteilt, müssen aber im Erstangriff genügen. Theoretisch wäre die rektale Messung etwas genauer, sollte aber aufgrund des Aufwands hinten angestellt werden.
Die Temperatur sollte bei einem Verdacht auf Hypothermie spätestens vor der ersten Medikamentengabe erhoben werden. Vom Ergebnis hängt dann nämlich ab OB und wenn ja WIE OFT Medikamente verabreicht werden.
Im Verlauf der Reanimationsmaßnahmen und natürlich auch beim ROSC sollte der Patient so schnell wie möglich in einen warmen RTW gebracht werden. Nasse Kleidung sollte umgehend entfernt werden um die Erwärmung zu unterstützen. Von einer aktiven Erwärmung ist jedoch abzusehen.
Amiodaron und Adrenalin
Der verminderte Stoffwechsel ist Fluch und Segen zugleich. Wenn es zur Medikamentengabe kommt ist zu beachten, dass aufgrund der reduzierten Stoffwechselleistung die Plasmakonzentration über einen längeren Zeitraum hoch bleibt. Es kann also leicht zu Überdosierungen kommen. Zudem wirken Medikamente wie Amiodaron weniger gut, wenn sie Patienten mit Hypothermie verabreicht werden.
Bei einer Körpertemperatur von <30°C soll deshalb nur einmalig 1mg Adrenalin verabreicht werden! Amiodaron wird gar nicht appliziert. Die Wirksamkeit ist wenig erforscht, jedoch wird angenommen, dass Adrenalin bei zu geringer Körpertemperatur eher Schäden am Myokard hervorruft, als die Erfolgsaussichten bei der Reanimation zu verbessern.
Liegt die Körpertemperatur zwischen 30 und 35°C verdoppelt sich nach ERC die Zeitintervall, in dem Adrenalin gegeben wird. Statt wie gewohnt alle 3 bis 5 Minuten, erfolgt die Gabe also nur noch alle 6 bis 10 Minuten.
Defibrillation & Medikamentengabe bei Hypothermie
30 – 35°C Körperkerntemperatur
→ Defibrillation nach normalem Algorithmus
→ Intervall für Medikamentengabe verdoppeln
< 30°C Körperkerntemperatur
→ drei Defibrillationsversuche, danach keine weitere Defibrillation bis Temperatur > 30°C
→ einmalige Gabe von 1mg Adrenalin
Je kälter, desto Strom?
Eben nicht. Bei Patienten mit einer Körpertemperatur unter 30°C werden maximal drei Schocks im bekannten Zeitintervall (also nach jeweils zwei Minuten bei defibrillierbarem Rhythmus) empfohlen. Nach dem dritten erfolglosen Defibrillationsversuch sollte von weiteren Versuchen abgesehen werden. Wird der Patient schon präklinisch bis auf eine Körpertemperatur von 30°C erwärmt, darf wieder nach bekanntem Schema defibrilliert werden.
„Wir hören auf“
Dieser Satz sollte erst nach sorgfältiger Abwägung fallen, weiß man doch, dass die Chancen auf ein mögliches gutes Outcome bei einer Hypothermie zunehmen.
Allenfalls bei offensichtlich „tödlichen Verletzungen oder Erkrankungen“, bei bestätigt langem Atemstillstand oder wenn sich der Brustkorb nicht komprimieren lässt sollte auch in der Präklinik Schluss sein.
„Man bringe den Lucas!“
Aufgrund der Möglichkeit einer kältebedingt gesteigerten Thoraxsteifigkeit, können und sollen mechanische Reanimationshilfen (mCPR) zum Einsatz kommen. Wenn möglich sollen diese frühzeitig eingesetzt werden!
Im Auto – und jetzt?
Bei hypothermiebedingtem Kreislaufstillstand ist der Transport in eine Klinik, welche über die Möglichkeit einer ECMO-Anlage verfügt, sinnvoll. Mithilfe der ECMO kann der Patient dann unter klinischen Bedingungen unter extrakorporale kardiopulmonale Reanimation (eCPR) erwärmt werden.
Quellen
- Deutscher Rat für Wiederbelebung – German Resuscitation Council e.V. (GRC). (2025). Reanimation 2025 – Leitlinien kompakt (1. Aufl.). https://www.grc-org.de/files/Contentpages/document/251217_TB_Reanimation.pdf
- Truhlář, A., Deakin, C. D., Soar, J., Khalifa, G. E. A., Alfonzo, A., Bierens, J. J. L. M., Brattebø, G., Brugger, H., Dunning, J., Hunyadi-Antičević, S., Koster, R. W., Lockey, D. J., Lott, C., Paal, P., Perkins, G. D., Sandroni, C., Thies, K.-C., Zideman, D. A. & Nolan, J. P. (2015). Kreislaufstillstand in besonderen Situationen. Notfall + Rettungsmedizin, 18(8), 833–903. https://doi.org/10.1007/s10049-015-0096-7
- Beitragsbild: Scottish Government, CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0


